Zum Werk

Albert Moeschinger ist eine der vielseitigsten und phantasievollsten schöpferischen Persönlichkeiten der neueren Schweizer Musik. Sein Oeuvre umfasst ausser der Oper alle Gattungen: es reicht von geistlicher und weltlicher Chormusik zur dramatischen Kantate, vom Lied zum zyklischen Vokalwerk, konzentriert sich auf Kammermusik in verschiedener Besetzung wie auf Kompositionen für Kammerorchester und kulminiert in den Solokonzerten, Sinfonien sowie sinfonischen Werken. Seine Schöpfungen sind je durch expressive Harmonik, differenzierte Rhythmik sowie durch subjektive und äusserst subtile Klangvorstellung geprägt; sie intendieren absolute Musik, die zwischen lyrischem und dramatischem Habitus sowie zwischen einfacher melodisch-thematischer und kompakter harmonischer wie polyphoner Faktur immer wieder neue Formulierungen hervorgebracht hat. Die meisten Hauptwerke sind vital und primär von ernster Grundhaltung, der nicht selten ein Zug ins Grüblerisch-Sinnierende eignet, deren Kontrastreichtum aber auch das Humorvolle und Bukolisch-Heitere einschliesst.

Es will nicht leicht fallen, Albert Moeschingers stilistisch so vielgestaltiges Schaffen aus über fünfzig Jahren generell zu charakterisieren und historisch einzuordnen. Er wurde - aus Humanismus nie revolutionär - mit den verschiedensten Einflüssen konfrontiert und setzte sich mit ihnen eigenwillig auseinander, ohne sich dabei zu verlieren. In den Werken der zwanziger Jahre, in denen noch Spuren von Reger und Strauss zu entdecken sind, ging es ihm nicht um demonstrativen Kontrapunkt, sondern um harmonische Verfeinerungen. Der musikalische Impressionismus war ihm artverwandt, doch nie eigentlich Anlass zur Komposition; er setzte ihm insbesondere ein eigenes Formverständnis entgegen.

Die angestammte Neigung zu expressionistischer und ausdrucksstarker Musiksprache führte ihn zur inneren Auseinandersetzung mit Schönberg, dessen Stil er indes nicht zu übernehmen bereit war. Die Entfesselung der Ausdrucksmittel kompensierte Moeschinger durch die Rückversicherung, dass der Faden zur Geschichte nicht abgerissen werde. So musste ihm schon aus diesem Grunde Strawinsky zum Vorbild werden; doch er folgte nicht dessen Weg zurück zur Klassik, schrieb nie historisierende Musik und wusste «neoklassizistischen» Tendenzen standzuhalten. Als dann nach dem Zweiten Weltkrieg der musikalische Strukturalismus bestimmend wurde, setzte er sich in Gedanken, in Briefen und Gesprächen eingehend mit den seriellen Konsequenzen aus Webern auseinander, ging aber unbeirrt und alles nur Modische verachtend seinen eigenen Weg, denn als bereits über Fünfzigjähriger hatte er seine musikalische Sprache in stets kleinen Schritten so weit entwickelt, dass radikale Neuorientierung sie in Frage gestellt hätte.

Aus seinen eigenen Voraussetzungen heraus bediente er sich seit der Vertiefung in den «Doktor Faustus» und seiner brieflichen Auseinandersetzung mit Thomas Mann immerhin der Zwölftontechnik, die zu einer gewissen Objektivierung, nicht aber zu einer grundsätzlichen Veränderung seiner Tonsprache führte. Diese Hinwendung zur Dodekaphonie hatte sich als Konsequenz der eigenen Entwicklung aufgedrängt - zu einer Zeit, als sie überwunden zu sein schien. Er adaptierte diese Technik auch in einem durchaus eigenen Sinne, und zwar so, dass der musikalische Satz eher einfacher als komplizierter wurde. Den Gesichtspunkt der Fortgeschrittenheit des Komponierens in der Zeit machte er nie zum Mass der Dinge; vielmehr war es stets sein Anliegen, bei aller Komplexität der musikalischen Sprache verständlich zu sein, das Eigene immer profilierter zu gestalten und den zum Überborden neigenden Einfallsreichtum durch klare Formen und Formulierungen zu bändigen.

Die gültigsten Werke Albert Moeschingers verdanken ihre Entstehung seinem ausgeprägten Sinn für das Sensitive und Poetische. Inspiriert sind sie oft eher von literarischen als von musikalischen Werken der Vergangenheit. Im Reich der Poesie, insbesondere der französischen, fand der umfassend Belesene immer wieder seine Wahlverwandtschaften. Das musikalische Schaffen Albert Moeschingers erweist sich als eine lebensvolle Synthese von deutschem und romanischem Geist; auf Grund dieses übernationalen Charakters darf es als - im besten Sinne des Wortes - schweizerisch angesprochen werden.

Hans Oesch